Zeitungsartikel

"Benzin im Blut"
URVÄTER DES AUTOMOBILS


- als Benzin in der Apotheke gekauft und Ottomotoren noch mit Rosenöl geschmiert worden.
Aus dem Flachmeierschen Geschichtsalbum...



[Transkription Zeitungsartikel "Aachener Volkszeitung" 1980er-Jahre]

BENZIN IM BLUT

‪ ... hatte meine Familie schon immer:

(Artikel der Aachener Volkszeitung, 1980er Jahre)

Aachen. - Sein Temperament war explosiv. Sah er sich auf einem Foto (seiner Meinung nach) ungünstig abgelichtet, riß er, kurzerhand „seine" Hälfte ab, vor Wut hat er sogar schon einmal seinen Hut mit den Zähnen zerfetzt Es existieren unglaubliche Geschichten von ihm," bestätigt Anne Marie Flachmeier und mit Seitenblick auf ihren Ehemann „aber zum Glück hast du das nicht geerbt." Dr. Heinz Flachmeier, der zusammen mit seiner Frau ein Café am Kaiserplatz betreibt, hat guten Grund auf den rührigen Friedrich Oswald Kluge, seinen Großvater, stolz zu sein. War Kluge doch in Aachen der erste, der einen regelrechten Autoverleih begründete. Der ideenreiche Erfinder, 1860 im oberschlesischen Schwarzwaldau geboren, hatte sich schon frühzeitig in Aachen niedergelassen. Zusammen mit seiner Ehefrau, Tochter eines Krefelder Seidenfabrikanten, baute er zunächst ein Optikergeschäft auf. Gelernt hatte er dieses Handwerk allerdings nicht, er übte es einfach aus, tüftelte unausgesetzt, ein Allround-Techniker, der auch vor der eigenen Küche keinen Halt machte. Da gab es schon früh einen maschihengetriebenen Entsafter und eine ebensolche Kaffeemühle, die ..die Köchin allerdings in Angst und Schrecken versetzte. Die große Techniker-Liebe Kluges galt allerdings den ratternden „Wesen" auf vier Rädern, die den meisten vor der Jahrhundertwende noch mehr als unheimlich waren. Auf dem riesigen Grundstück an der Lothringerstraße war genug Platz, um die Prototypen zu konstruieren. Und die "Einzelteile? Karls Problem. Kuge und Sohn Friedrich entwarfen sie am Reiß­brett, ließen sie in Holz fertigen und dann in einer Aachener Firma an der Jülicher Straße gießen. Erstaunlich war, daß diese Autos tatsächlich funktionierten. Probleme gab es häufiger zwischen Vater und Sohn, denn Junior Kluge hatte das cholerische Tem­perament des Vaters geerbt. Es „funkte"....

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Ungewöhnliche Ideen verblüfften Kluges Umwelt auch in ganz anderen Bereichen. Konnte einer" seiner Mieter nicht zahlen, wurde er kurzerhand zu einer Arbeit herangezogen. Diesem Umstand verdankte es der 58jährige Heinz Flachmeier, daß er bereits im zarten Alter von fünf Jahren. Klavierunterricht genoß: Philip Kraus, der erst Anfang dieses Jahres mit 92 Jahren in Aachen starb, hatte ihn als „Mietersatz" unterrichtet, und Flachmeier ist seinem unfreiwilligen Lehrer über 50 Jahre lang treu geblieben. „Ich mußte lernen," erzählt Flachmeier amüsiert, „ob ich wollte oder nicht." Selbstverständlich war auch die gesamte Familie in die vielfältigen Aktivitäten Kluges eingespannt. Ehefrau und Tochter Emmy, Heinz Flachmeiers Mutter, die heute in einem Aachener Altenheim lebt. saßen zum Beispiel an der Kasse des „Cinematographen". „Der erste in Aachen," versichert Flachmeier. Am Holzgraben gab es aufregende Bilder aus dem Burenkrieg oder von einem Vulkanausbruch. Kluge hatte eine Marktlücke entdeckt und genutzt. So unterlegte er die Film­streifen geschickt mit Geräuschen, die so treffend waren, daß seine Zuschauer das helle Entsetzen packte. Früh hatte er auch das Prinzip der Werbung erkannt. Einem komischen Film von Leuten, die Würstchen aßen, folgte das ganz „zufällige" Angebot besagter Würstchen im Kino, die von den heißhungrigen Zuschauern gern gekauft wurden. Eine Menge Geld verdiente Kluge, als er das Angebot annahm, im damals noch deutschen, heute belgischen Elsenborn, Kantine und Ladenlokal auf dem dortigen Truppenübungsplatz übernahm. Nur noch im Winter kam die inzwischen sechsköpfige Familie (zwei Mädchen, zwei Jungen) nach Aachen. In Elsenborn blühe das Fotografische Geschäft, weil jeder Soldat sein Konterfei gern nach Hause schickte.
Die Offiziere liehen sich Kluges Autos, um (verbotenerweise) ins Spielcasino von Spa zu kutschieren. Übrigens kaufte man damals das Benzin in der Apotheke. Mit Rosenöl wurden die Autos geschmiert. Ein fataler Fehlkauf passierte Kluge, als er mit Familie nach Schlesien fuhr: Statt Benzin kam Bittermandelöl in den Tank - das roch zwar besser, aber zwei Zylindern bereitete es den Garaus. Als der Krieg 1918 19 verloren war, blieb Kluge nicht in Elsenborn. Seine patrio­tische Gesinnung führte ihn zurück nach Aachen, doch die „große Zeit" war vorbei. Er tüftelte auch weiter noch, freute sich über die Einführung der Elektrizität. Es gelang ihm sogar, den Glühfaden in der Glühbirne zu verbessern. Sohn Friedrich ging auf die Technikerschule, hatte das Talent des Vaters geerbt, trat jedoch nicht in dessen Fußstapfen. Er ging fort von Aachen und machte sich selbständig. Friedrich Oswald Kluge eröffnete einen Süßwarenhandel. Heinz Flachmeier kann sich noch gut an den Großvater erinnern, der allerdings zu seiner Zeit keine Autos mehr bastelte. „In der Remise standen all die Oldtimer," erzählt er, „der durfte ich spielen." Sein „Traumgroßvater" freute sich natürlich, wenn Enkel Heinz einen Wunsch für die elektrische Eisenbahn hatte oder einen Rechenschieber brauchte.


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